Gottfried Hattinger
ÜBER DIE SINNE
Geschichten aus der Wahrnehmungswelt – eine virtuelle Ausstellung
Das Buch ist ein Katalog über eine Ausstellung, die nicht stattgefunden hat, weil sie in der intendierten Form schlichtweg nicht stattfinden kann, weder organisierbar noch finanzierbar wäre. "über die Sinne" handelt von interdisziplinären Beziehungen zwischen Naturwissenschaften und Künsten. Ein Buch kann klarerweise keine primären sinnlichen Eindrücke vermitteln, sondern sich lediglich an die Vorstellungskraft wenden. Der Reiz besteht darin, einen Beziehungsreichtum herzustellen, der in einer wirklichen Ausstellung kaum umsetzbar ist. Es besteht auch nicht die Absicht, den vielen wissenschaftlichen Untersuchungen eine weitere hinzuzufügen, zumal der Autor einer undisziplinierten Gattung angehört – entsprechend undiszipliniert werden Verknüpfungen geflochten zwischen wissenschaftlichen Berichten und künstlerischen Werken, Assoziationen zwischen den Genres in Form von Cappriccios und Beschriftungen. Insofern gehört die Publikation eher in die Nähe der literarischen Übung. Gleichwohl - so viel wird versichert - werden wissenschaftliche Fakten ordnungsgemäß nach bestem Gewissen wieder gegeben, obwohl bekanntlich selbst die Wissenschaft manchmal zu unterschiedlichen Erkennt-nissen kommt.
Herausgegeben von den Oberösterreichischen Landesmuseen
Verlag Bibliothek der Provinz, 568 Seiten, ca. 520 Abb., Euro 45.-
ISBN 978-3-85252731-4 (vergriffen!)
„… Es handelt sich um die wohl gelungenste Vor- und Darstellung zum Thema überhaupt – konzentriert informierend, reich illustriert und von hoher Reflexions- wie Inspirationskraft.“
Paolo Bianchi, Kunstforum International, Bd. 253, 2018
… und in diesem Sinn erlauben wir uns einen Parforceritt durch Gottfrieds Hauptwerk (nein: gemeint ist nicht die geglückte Abfolge von so und so vielen überregionalen Festival-Ereignissen), sondern sein Kompendium der Sinne (Über die Sinne, eine Ausstellung) aus der Tier-, Menschen- und Kunstwelt, und da diese Geschichten aus der Wahrnehmungstotalität keinen Anfang und kein Ende haben (so lange jemand Wahrnehmender lebt) und von jeder Person aufgrund der eigenen Erfahrungen weitergeschrieben werden können, entbehrt dieses Buch (also von Gottfried Hattinger: Über die Sinne, Eine Ausstellung), entbehrt es auch eines dezidierten Inhaltverzeichnisses, also darf man sich irgendwo darin festlesen, kein Problem: kommen doch die klassischen 5 Sinne gewöhnlich stets in der gewohnten Reihenfolge daher:
-sehen (Frage: fühlt ein Blinder fremde Augen auf seine Nacktheit gerichtet, im Fall des Falles?)
-hören (ja Töne werden nicht nur über die Ohren aufgenommen, sondern auch über die Haut, nehmen Sie mal einfach nur den Hut ab)
-riechen (geht direkt, ohne Querweg über die Sinneskreuzung, mit den zwei Löchern stereophon)
-schmecken (mit gespaltener Zunge)
-tasten (z.B. bei Daniel Spoerris Tasttour/Tastatur in der stockdunklen Künstlerwerkstatt), einmal ganz abgesehen von den zusätzlichen inneren Sinnen des Aristoteles, nämlich vier an der Zahl: Gemeinsinn, Einbildungskraft, Intellekt und Gedächtnis, abgesehen allerdings nicht vom 6. Sinn, der bei Gottfried unter dem Kapitel Über das Phantasieren anregend abgehandelt wird, samt den einschlägigen synästhetischen/synästhetischen Experimenten der Surrealisten, Aktionisten und in den Zuständen von Drogen und Rausch.
wer mit dem heutigen Tag ein Kapitel Gottfried Hattinger zugeschlagen sieht, schlage doch nur eine Seite in seinem 555-seitigen Sinneskompendium auf und er/sie wird gar nicht mehr aufhören können, weiterzulesen und nachzuforschen (selber zu ergänzen), und die auf dem Buchdeckel in Klammern gesetzte [Ausstellung] zu diesem Generalthema, sollte sie wünschenswerterweise realisiert werden, wird so jemand auch nicht versäumen wollen.
Bodo Hell, aus Laudatio zum Abschied vom Festival der Regionen, 2017