Der Himmel ist blau 

Philosophie und Schrott – Dinner für 18 Gäste gegen Heidegger

Performance, 4. Juli 1996, Container am Schrottplatz der VOEST-Alpine


Gastgeber: Contained / Just Merit

Gegen-Sätze, Anrichtung: Gottfried Hattinger

Chef de Cuisine: Kelsie Sue Kerr

Maitre D's: Claudia Hutterer, Todd Blair

Klang: Sam Auinger 


Das Dinner fand in der Nacht vom 4. auf 5. Juli am Schrottplatz der Voest-Alpine statt. Das Vokabular der Dialoge ist dem Hauptwerk von Martin Heidegger – Sein und Zeit – entnommen. Die Dialoge wurden den einzelnen Gästen „auf den Leib“ geschrieben und jeweils von einer Frau und einem Mann zwischen den einzelnen Gängen serviert.

Gästeliste:

Ernst Artner (Betriebsrat), Peter Assmann (Kunsthistoriker), Hermann Atzlinger (Techniker)

Sam Auinger (Musiker), Erika Dornetshuber (Hausfrau), Gerlinde Hofer (Galeristin)

Maria Hutterer (Therapeutin), Traudl Lehner (Zahntechnikerin), Margarete Kaindlbinder (Werksköchin)

Gottfried Kranzl (Werkschützer), Peter Leisch (Philosoph), Monika Leisch-Kiesl (Theologin)

Barbara Mungenast (Designerin), Priska Riedl (Künstlerin), Andrea Spreizer (Sparkassenangestellte)

Alex Stelzer (Buchhändler), Reinhold Tauber (Journalist), Erwin Zeppezauer (Stahlarbeiter)

Aperitiv: Pousse Rapière L’Armanac mit Sekt aufgefüllt, dazu: Orange, Anchovis Tapas.

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1. Gang: Zwiebeltörtchen mit Wasserkresse, 

dazu Riesling 1995 Weingut Gruber Retz/Weinviertel

Mann: Techniker, werbend

Frau: Sparkassenangestellte, gleichgültig

Mann: Vorlaufen in die Möglichkeit

In die Spähre des Außersichseins

Frau: Worumwillen?

Mann: Daß-es-da-ist

Frau: Das gleichgültige Zusammenvorkommen

Mann: Die ekstatische Zeitlichkeit lichtet das Da ursprünglich

Frau: Ich bin das alltägliche Selbst-Sein,

die Seinsentlastung,

die Gleichursprünglichkeit

Mann: Das Dasein versinkt dumpf in der Alltäglichkeit

Frau: Unauffällige Vertrautheit, Behagen an der Gewohnheit

Mann: Der Sein-Sinn ist das Zu-seinem-Ende-kommen des Noch-nicht-zu-Ende-Seienden

Frau: Immer das Belieben der anderen

Mann: Das Be-Lieben im Wir

Die Existenzidee im Ineinander

Das Verströmen im Jetzt

Frau: Nicht!

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2. Gang: Forellenpastete, Riesling s.o.

Kunsthistoriker: laut, bestimmt, selbstsicher.

Therapeutin: spöttisch.

Mann: ICH-Da!

Frau: Und das existierende Mit-Sein mit Anderen?

Mann: ICH-ich!

Frau: Alles Selbst-Verständliche ist fragwürdig

Mann: ICH im Hier-Sein!

Frau: Das Ich-auch lichtet das Da!

Mann: ICH-selbst!

Frau: Das Man-selbst schreit am lautesten ICH-ICH

Mann: ICH-Ding im All-ICH!

Frau: Das Belieben der Anderen. Du rücksichtsloses Mitsein!

Mann: Ich-selbst-sein-können!

Frau: Ist schuldig! –

    Ist Grundsein für einen Mangel am Da-sein eines Anderen.

    Du gleichgültiges Mitzusammenvorkommen!

    Du Selbstheit im Ich-Schlamm!

Mann: ICH! ICH! ICH!

Frau: Etwas als etwas, zu kurz trägt der Blick.

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3. Gang: Salat aus grünen Bohnen auf gerösteten Croutons,

dazu Bordeaux rosé 1994 Chateau La Louvière Andre Lurton, Bordeaux

Mann: Philosoph, emphatisch,dozierend

Frau: Werksköchin, trocken, kühl

Mann: Der Begriff Sein ist undefinierbar in der Vorhandenheit der Weltontologie. Das Umhafte der Umwelt im Raumgefäß des innerweltlich Seienden ist nichtdaseinsmäßiges Seiendes als Uneigentliches. Das An-sich-sein in der Stellenmannigfaltigkeit im Seinsbezug der Gleichursprünglichkeit festet sich im Verfallen des Daseins im Wie seiner Entdecktheit als Un-Zuhause.

Frau: Der Himmel ist blau.

Mann: Die Unganzheit im faktischen Seinkönnen der Noch-nicht-Daseinsgewißheit als Existenzidee des Man-selbst in der uneigentlichen Zeitlichkeit drängt je Befindliches in die Geworfenheit des Strukturganzen – das in ihr sich auf sich Zukommen-lassen als Möglichkeit aushält, das heißt existiert.

Frau: Daß-es-die-Möglichkeit-ist!

Mann: Das In-der-Welt-sein fungiert als Verhaltung ontologisch-existenzialer Struktur des Verfallens der Seinsverfassung je So-seiend in seinem indifferenten Zunächst und Zumeist. Die Dunkelung des Seienden mitnichtet die Bestimmungsart. Der Sinn-und-Sein-Fundamentalfrage nach dem So-sein des begrifflichen Selbst und des Nur-so des Seinsverständnisses. Das Erfragte giert ergo nach bedeutungsmäßiger Bestimmtheit, es ist die Seinsfrage des Seienden selbst in der Geworfenheit des je Vorhandenen im vorgesetzten Zirkel der Explikation eines unsichtlichen Da. Die vorgängige Hinblicknahme zur Wesensverfassung selbstet in der Rück- oder Vorbezogenheit des Gefragten im Gebiet der Grundlagenkrisis apriorischer Sachlogik: der Seinsart dieses je Seienden.

Frau: Bin ich froh! Du schöner Denker!

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4. Gang: Kalte Gurkensuppe mit Tarragon, Bordeaux rosé s.o.

Frau: Hausfrau, fordernd

Mann: Stahlsarbeiter, verteidigend

Frau: Näherung in die Nähe

Mann: Nicht zu nah an das Man

Frau: Die Nässe ist hier in der Ferne

Mann: Das Wovor der Angst!

Frau: Heraus mit dem Hammerding!

Mann: ICH will wählen die Wahl 

Frau: Naturding! – Gebrauchsding! – Zeugungszeug! – Raumstück! –

    : DAS KÖRPERDING KOMMT ZUHANDEN!

Mann: Zu schnell das Weiß in das Blau 

Frau: Die Ursuppe kocht nahe

    Richte das Ding in den Schaum

Mann: Schlechthinnige Unmöglichkeit!

Das Um-zu versagt

Frau: Ach x

Mann: Die Näherung ist fremd im Da

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5. Gang: Enten-Confit in Sherry Vinaigrette, dazu Chateau de Rochemorin 1990, 

Andre Lurton, Bordeaux

Mann: Journalist, priesterlich, wohlwollend

Frau: Theologin, höhnisch

Mann: Ohne Schöpfergottglauben bist du nur Selbstverlorenheit im All-Ganzen

Frau: Ich höre nicht auf die Letztheiten der Wortgötzen

Mann: Haltlos verfallen dem Dasein im Un-zuhause des Seins zum Tode.

Ohne Hoffnung auf Gelichtetheit.

Frau: In der nahenden Sünde ersoffen!

Mann: Ohne Daseinsgewißheit in die Existenz geworfen. Komm her in die Eigentlichkeit 

Frau: Eure Lichtung ist Scheinklarheit geboren aus Angst vor ekstatischem Ur-Da des Seinkönnens

Mann: Das ist Aufruf zum eigensten Schuldigsein.

    Heilsmäßige Ewigkeit zernichtet deine ekstatische Zeitlichkeit auf ein Hin zu Tode und Qual.

Frau: Ihr die Zernichter der Selbst,

    Ihr Zernichter der Lust

    Ihr Zernichter des Jetzt

    Ihr Zernichter des Lebend-Seins

    Ihr Bringer der Angst!

Mann: Wir das Gewissen der Seelen

    Wir das Gericht!

Frau: Rufer der Täuschung

    Nur Rüttler am Nichts

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6. Gang: Falsche Rippchen in Rotwein geschmort, an Sommergemüse und Tian,

dazu Chateau de Rochemorin, s.o.

Frau: Galeristin, zänkisch

Mann: Buchhändler, ebenfalls zänkisch

Frau: Nicht-Charakter !

Mann: Vulgäres Du-da !

Frau: Primitiver Stammler !

Mann: Dumpf-Ding !

Frau: Grober Besorger !

Mann: Verworfenes Wesen !

Frau: Falschredner !

Mann: Seins-Nichtigkeit !

Frau: Gewaltzeitiger !

Mann: Subjekt der Alltäglichkeit !

Frau: Hirnreißer !

Mann: Nichts !

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7. Gang: Grüne Salate, dazu Chateau La Louvière 1989, Andre Lurton, Bordeaux

Mann: Werkschützer, schneidend

Frau: Künstlerin, traurig

Mann: Das Blut ruft : Es kommt zum Daseins-mäßigen des Faktischen

Frau: Wesentliches hat die Form einer Frage

    ist nicht alles Selbstverständliche fragwürdig?

Mann: Ich bin das Aktzentrum, das Eigen-Sein.

    Die methodische Sicherung des Mein.

Frau: Innerweltlich wohnen in der Platzganzheitx

    Selbstverloren im Wir

Mann: Die Begriffe sind System, beanspruchen Recht.

    Die Verklammerung im System ist klar und weiterer Rechtfertigung unbedürftig.

Frau: Aber die Möglichkeiten der Täuschung und Mißleitung?

Mann: Das Recht ist Urgrund und wertbehaftet.

    Grundaussage. Keine Zweifel.

Frau: Das In-der-Welt-sein verlangt doch eine vorgängige Interpretation.

    Wie soll das Ich in das Man?

Mann: Das Innerweltliche des Man ist unbestimmt.

    Ich sichere das Recht im Zeugzusammenhang des Systems.

    Ich bin das Recht.

    Ich bin die Methode.

Frau: Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.

    Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte

    und jedem Zugängliche aus.

Mann: Das Man hält sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört.

    Was man gelten läßt und was nicht.

Frau: Das Man hat sich immer davongeschlichen.

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8. Gang: Käse. Chateau La louvière, s.o.

Frau: Designerin, süß

Mann: Musiker, ebenfalls süß

Frau: Dem Strömen verfallen im Keimen des Wir

Mann: Umsichtig bewegt in der Häutung des Zeugs

Frau: Des Besorgten gewärtig

Mann: In der ekstatischen Einheit des gewärtigend-behaltenden Gegenwärtigens gründen

Frau: Im still liegenden Betrieb sich enthalten vom Zeuggebrauch

Mann: Ohne daß das umsichtig Genäherte selbst handgreiflich zuhanden 

Frau: Das Verstehen in der ekstatisch-horizontalen Einheit der Zeitlichkeit der vorliegenden Seienden – Das innerweltliche Gefäß –

Mann: – Worinnen das Ding sich bewegt.

Frau: ES wird umgriffen

    im Leibkörper ausgefüllt

    bewegt –

Mann: um zu –

Frau: Noch-nicht !

Mann: Jetzt – da!

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9. Gang: Mandelkuchen mit Sommerfrüchten in Armanac,

dazu Steirische Scheurebe 1992, Weingut Puschnig, Glanz an der Weinstraße

Mann: Betriebsrat, gelangweilt

Frau: Zahntechnikerin, ebenfalls gelangweilt

Mann: Höre, wie das schimmert

    Rieche, wie das glänzt

    Schmecke, wie hart das ist

    Fühle, wie das strahlt

    Sieh, wie das Klingt

Frau: Die rechte Gelegenheit, der geeignete Augenblick

Mann: Im Sinne der ausruhenden Unterbrechung des Verrichtens

    Oder als Fertigwerden

Frau: Die ständige Möglichkeit der Zerstreuung

Mann: Das Gerede regiert auch die Wege der Neugier

Frau: Alles sieht so aus wie echt verstanden

Mann: Es sieht nicht so aus und ist es im Grunde doch

Frau: Jeder hat schon immer im voraus geahnt und gespürt, was andere auch ahnen und spüren

Mann: Jeder paßt zuerst und zunächst auf den Anderen auf, wie er sich verhalten, was er dazu sagen wird.

Frau: Die Sache ist so, weil man es sagt.

Mann: Breitet sich aus im Geschriebenen als das Geschreibe.

Frau: Ein durchschnittliches Verständnis versteht ja alles.

Mann: Ja.

Frau: Ja-ja.